Kermesbeere (Phytolacca)

Kermesbeeren Pokeweed Ombú
IUCN: Nicht gefährdet
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Kermesbeeren (Phytolacca) – Merkmale, Verbreitung und Verwendung

Die Kermesbeeren (Phytolacca) umfassen rund 25 bis 35 Arten, die von kräftigen krautigen Stauden bis hin zu mächtigen Bäumen der südamerikanischen Steppe reichen und in den Tropen sowie Subtropen Amerikas, Afrikas und Ostasiens beheimatet sind. Ihren botanischen Namen verdanken sie ihren glänzenden, tiefpurpurnen bis schwarzen Früchten: Er setzt sich aus dem altgriechischen Wort phyton für „Pflanze“ und dem lateinischen Begriff lacca für einen roten Lackfarbstoff zusammen.

Die Gattung bildet das namensgebende Herzstück der Familie der Kermesbeerengewächse (Phytolaccaceae). Wissenschaftlich erstbeschrieben wurde Phytolacca im Jahr 1753 durch den schwedischen Naturforscher Carl von Linné in seinem Werk Species Plantarum, wobei auch der deutsche Name auf das persische Wort qermez für die Farbe Rot zurückgeht.

Taxonomie

  • ∟ царство Plantae
  • ∟ Abteilung Tracheophytes (Gefäßpflanzen)
  • ∟ Unterabteilung Spermatophytes (Samenpflanzen)
  • ∟ Angiosperms
  • ∟ mesangiosperms (Mesangiospermen)
  • ∟ eudicots
  • ∟ core eudicots
  • ∟ Superasterids
  • ∟ Ordnung Caryophyllales
  • ∟ Familie Phytolaccaceae (Kermesbeerengewächse)
  • ∟ Gattung Phytolacca (Kermesbeere)

Lebendiger Puls

Morphologie

Das Erscheinungsbild innerhalb der Gattung Phytolacca zeigt eine bemerkenswerte Bandbreite an Wuchsformen, die je nach Lebensraum variiert. Während die meisten Vertreter als ausdauernde krautige Pflanzen Wuchshöhen von 1 bis 2 Metern erreichen, entwickeln sich einige neotropische Arten zu stattlichen Bäumen von bis zu 25 Metern Höhe.

Wurzeln, Stängel und Laubblätter

Unter der Erde verankern sich die krautigen Arten mit dicken, fleischigen Speicherwurzeln, aus denen im Frühjahr kräftige Triebe emporschießen. Bei baumförmigen Vertretern wie dem südamerikanischen Ombú (Phytolacca dioica) schwillt die Stammbasis zu einem massiven, wasserspeichernden Sockel an.

  • Die meist aufrechten, kahlen Stängel sind oft kantig oder längsgefurcht und leuchten mit zunehmendem Alter häufig intensiv rötlich bis magentafarben.
  • Die wechselständigen Laubblätter besitzen eine einfache, ungeteilte und meist eiförmig-lanzettliche Blattspreite mit glattem oder leicht gewelltem Rand.

Blütenstände und Blütenbau

Zwischen den Laubblättern oder an den Triebspitzen erscheinen lange, aufrechte oder überhängende Trauben und Ähren, die sich aus fünf bis über hundert Einzelblüten zusammensetzen. Den kleinen, radiärsymmetrischen Blüten fehlen echte Kronblätter; ihre Schaufunktion übernimmt ein einfaches Perigon – eine unscheinbare Blütenhülle aus fünf weißlichen bis grünlich-rosafarbenen Blättchen, die sich während der Fruchtreife oft tiefrot verfärben.

  • Im Zentrum der meist zwittrigen Blüten stehen 6 bis 33 Staubblätter, die in einem oder zwei konzentrischen Ringen angeordnet sind.
  • Der oberständige Fruchtknoten besteht aus 5 bis 16 (selten bis zu 30) Fruchtblättern, die je nach Art frei nebeneinander stehen oder kugelig miteinander verwachsen sind.

Früchte und Samen

Aus den befruchteten Blüten reifen saftige, abgeflachte Beeren heran, die oft wie kleine, gerippte Kürbisse oder Rosetten wirken und bei Vollreife pechschwarz glänzen. Jedes Fruchtfach birgt einen linsen- bis nierenförmigen, glänzend schwarzen Samen, der von einer extrem harten, glatten Testa – einer widerstandsfähigen Samenschale – geschützt wird.

Blütezeit

In den gemäßigten und subtropischen Zonen der Nordhalbkugel blühen die verbreiteten krautigen Arten hauptsächlich vom Frühsommer bis in den Frühherbst.

Jan
Feb
Mär
Apr
Mai
Jun
Jul
Aug
Sep
Okt
Name
Dez

Anwendungen

Obwohl alle Vertreter der Gattung Phytolacca wirksame Giftstoffe wie Triterpensaponine (seifenartige Pflanzenstoffe) und Lektine enthalten, nutzt der Mensch verschiedene Arten seit Jahrhunderten als Färber-, Arznei- und Nahrungspflanzen. Die höchste Giftkonzentration sitzt dabei in der fleischigen Wurzel, während das reife Fruchtfleisch deutlich geringere Mengen aufweist.

Der tiefpurpurne Saft der Beeren ist reich an Betacyanen – wasserlöslichen rötlichen Farbpigmenten, wie man sie auch aus der Roten Bete kennt. Indigene Völker Nordamerikas nutzten diesen Saft zum Bemalen von Pferden und zum Färben von Korbwaren, während er in Europa ab dem 18. Jahrhundert zeitweise zum Nachfärben von Rotwein, Likören und Süßwaren diente, bis dies wegen der abführenden Wirkung untersagt wurde.

  • Traditionelle Küche: Im Süden der USA werden die ganz jungen, noch grünen Frühjahrstriebe von Phytolacca americana dreimal hintereinander in jeweils frischem kochendem Wasser abgebrüht, um die wasserlöslichen Giftstoffe auszuschwemmen, und anschließend als „Poke Salad“ verzehrt; in Ostasien und im Himalaya dient Phytolacca acinosa auf ähnliche Weise als Kochgemüse.
  • Medizin und Krankheitsbekämpfung: Die äthiopische Art Phytolacca dodecandra (bekannt als Endod) liefert aus ihren Beeren stark schäumende Saponine, die in Afrika nicht nur als traditionelles Waschmittel dienen, sondern auch gezielt gegen Süßwasserschnecken eingesetzt werden, welche als Zwischenwirte die Tropenkrankheit Bilharziose übertragen.
  • Landschaftsgestaltung und Schattenbäume: Während krautige Arten wie Phytolacca americana und Phytolacca acinosa gelegentlich als architektonische Solitärstauden in Gärten gepflanzt werden, schätzt man den Baum Phytolacca dioica in warmen Regionen wie der Mittelmeerküste und Südamerika als breitkronigen Schattenspender in Parks und auf Plätzen.

Interessante Fakten

Die Überlebensstrategie der Gattung Phytolacca zeigt ein präzise abgestimmtes Zusammenspiel aus Biochemie, Anatomie und Ökologie. Jedes Detail – vom Farbstoff der Beeren bis zur Struktur des Holzes – erfüllt eine exakt definierte Aufgabe im jeweiligen Lebensraum.

Gezielte Partnerwahl durch chemische Filter

Bei der Samenverbreitung setzen die Kermesbeeren auf eine fein justierte Arbeitsteilung mit der Tierwelt, die als Ornithochorie (Vogelausbreitung) bezeichnet wird. Säugetiere besitzen kräftige Backenzähne, mit denen sie die Samen beim Kauen zermalmen und damit den Keimling zerstören würden.

  • Um Säugetiere vom Verzehr abzuhalten, reichern die Pflanzen Phytolaccatoxin und Phytolaccagenin im Gewebe an, die bei Vierbeinern schon in kleinen Mengen heftige Magen-Darm-Beschwerden auslösen.
  • Singvögel hingegen sind gegen diese Toxine weitgehend unempfindlich, werden von den fast schwarz glänzenden Fruchtständen magisch angezogen und schlucken die Beeren im Ganzen herunter.
  • Im Muskelmagen der Vögel widersteht die glasharte Samenschale den Verdauungssäften mühelos, sodass die Samen unversehrt und mit einer Portion Startdünger versehen an weit entfernten Orten wieder ausgeschieden werden.

Ein feuerfester Baum aus wasserreichem Schwammgewebe

Während die meisten Arten im Winter oberirdisch absterben, hat der in der südamerikanischen Pampa heimische Ombú (Phytolacca dioica) den Bauplan einer krautigen Staude in die Dimensionen eines bis zu 25 Meter hohen Baumes übertragen. Sein Stamm bildet keine klassischen, harten Jahresringe aus Holz, sondern besteht aus einem ungewöhnlich weichen, faserigen Gewebe mit anomalem sekundärem Dickenwachstum – einer schichtweisen Einlagerung von weichem Speichergewebe.

  • Dieses schwammartige Stamminnere und der gewaltige Wurzelsockel speichern enorme Mengen Wasser, wodurch der Baum monatelange Dürreperioden in der offenen Grassteppe übersteht.
  • Gleichzeitig macht der hohe Wassergehalt im Stamm den Ombú nahezu unbrennbar, sodass natürliche Steppenbrände über das Grasland hinwegfegen können, ohne den Baum zu vernichten.

Chemische Raumverteidigung im Waldboden

An neuen Standorten sichern sich krautige Arten wie Phytolacca americana ihren Platz durch Allelopathie – eine biochemische Fernwirkung, bei der die Pflanze über ihre Wurzeln und herabfallenden Blätter hemmende Substanzen in den Boden abgibt. Diese Verbindungen erschweren im unmittelbaren Umkreis sogar kräftigen Waldbäumen wie der Rotbuche die Keimung, sodass sich der eigene Nachwuchs der Kermesbeere ohne Schattenkonkurrenz entfalten kann.

Verbreitungsgebiet

  • Vereinigte Staaten
  • Kanada
  • Mexiko
  • Kolumbien
  • Venezuela
  • Guyana
  • Suriname
  • Französisch-Guayana
  • Ecuador
  • Peru
  • Bolivien
  • Brasilien
  • Paraguay
  • Uruguay
  • Argentinien
  • Chile
  • China
  • Japan
  • Taiwan
  • Südkorea
  • Indien
  • Bhutan
  • Myanmar
  • Vietnam
  • Nepal
  • Äthiopien
  • Madagaskar
  • Türkei
  • Zypern
  • Libanon
  • Syrien
  • Deutschland
  • Frankreich
  • Italien
  • Portugal

Natürliche Varietäten

Art
Amerikanische Kermesbeere

Amerikanische Kermesbeere

Die Amerikanische Kermesbeere (Phytolacca americana) ist eine imposante, aber stark giftige Staude aus Nordamerika, die durch ihre auffälligen, dunkelvioletten Beerenstände …

Technische Information

Taxonsynonyme: Nowickea, Pircunia, Sarcoca

Externe Datenbanken: GBIF, POWO, Tropicos

Siehe auch

Bitterholzbaum

Bitterholzbaum

Picrasma

Eine Gattung sommergrüner Bäume und Sträucher aus der Familie der Bittereschengewächse, bekannt für ihre ausgeprägte …